Vorurteile wie entstehen sie und wofür sind sie gut?

Projekt Alltag: Was sind Vorurteile, wie entstehen sie und wofür sind sie gut?

 

Im Alltag erlebt jeder die verschiedensten Situationen und trifft auf die unterschiedlichsten Personen. “Das ist ja wieder typisch!” ist ein Gedanke, der einem dann gar nicht so selten durch den Kopf schießt, etwa wenn zwei Freundinnen stundenlang miteinander telefonieren, ein Mann Macho-Gehabe in Perfektion an den Tag legt oder ein Kind beim Anblick von Gemüse auf seinem Teller die Nase rümpft.

Genauso wundert sich kaum jemand, wenn ein Pärchen aus Bayern in Lederhose und Dirndl erscheint, wenn US-Amerikaner zielsicher eine Hamburger-Bude oder ein Steakhaus ansteuern oder wenn eine asiatische Reisegruppe alles fotografiert, was ihr vor die Linse kommt. Dies bestätigt schließlich nur gängige Klischees.

Aber mit Blick auf das Projekt Alltag stellt sich dann doch die Frage: Was sind Vorurteile eigentlich, wie entstehen sie und wofür sind sie gut?:

 

Vorteile sind ein wichtiges Hilfsmittel für das Gehirn.

Das Gehirn muss jeden Tag enorm große Datenmengen verarbeiten. Damit es dieses Pensum bewältigen kann, greift es auf einen Trick zurück. Alles, was an Informationen, Gedanken und Gefühlen eingeht, ordnet es nämlich Kategorien zu und verknüpft die Inhalte der Kategorien dann mittels Assoziationen miteinander.

Da ständig neue Kategorien entstehen, entwickelt sich im Laufe der Zeit ein riesiges Netzwerk aus Daten. Die Einteilung in Kategorien und auch Vorurteile helfen dem Gehirn dabei, sich in dem Datendschungel zurückzufinden, die Informationen an der richtigen Stelle abzulegen und bei Bedarf auch schnell wiederzufinden.

Böse Zungen würden jetzt von einem Schubladendenken sprechen. Daran ist an sich aber zunächst nichts Schlechtes, denn dieses System erweist sich als effektiv. Forscher gehen davon aus, dass bis zu 90 Prozent des menschlichen Denkens, Fühlens und Handels von Vorurteilen und der Neigung zum Kategorisieren beeinflusst werden.  

 

Vorurteile verallgemeinern Einzelbeobachtungen.

Die Basis für Vorurteile bilden einzelne Beobachtungen. Diese Beobachtungen werden anschließend pauschaliert und verallgemeinert, indem von einem auf alle und von allen auf einen geschlossen wird.

In der Folge sind alle Deutschen fußballverrückt, alle Russen passionierte Wodka-Trinker und alle Schweizer zu einer gemütlichen Langsamkeit neigende Menschen. Da Vorurteile auf Beobachtungen beruhen, ist an den meisten Vorurteilen tatsächlich zumindest in gewissem Umfang auch etwas Wahres dran.

Dies hat dann aber wieder zur Folge, dass Vorurteile kaum noch aus der Welt zu schaffen sind, wenn sie sich einmal in den Köpfen festgesetzt haben.  

 

Vorurteile beeinflussen beide Seiten.

Vorurteile sind also das Ergebnis von zwei Mechanismen, die ineinander gegriffen haben, nämlich die selektive Wahrnehmung auf der einen Seite und die Neigung zum Verallgemeinern auf der anderen Seite. Der Mensch sieht oder hört etwas, wobei er unbewusst oft vorher schon festlegt, welche Informationen in seinem Gehirn ankommen sollen.

Das heißt, der Mensch sucht sich aus, was er sehen oder hören möchte. Das Gehirn ordnet die eingehenden Informationen dann einem passenden, schon vorhandenen Vorurteil zu. Wer beispielsweise eine Frau dabei beobachtet, wie sie minutenlang versucht, rückwärts in eine Parklücke zu kommen, für den bestätigt sich lediglich ein gängiges Vorurteil. Selbst wenn danach zehn Frauen mühelos und perfekt in dieser Parklücke einparken, wird sich an dem Vorurteil nichts mehr ändern.

Dies ist übrigens in allen Gesellschaftsschichten und unabhängig vom Bildungsgrad so. Studien haben jedoch gezeigt, dass Vorurteile nicht nur das Denken, Fühlen und Handeln derjenigen beeinflussen, die die Vorurteile haben. Auch auf diejenigen, die von den Vorurteilen betroffen sind, wirken sich Vorurteile aus. Jens Förster, ein Sozialpsychologe aus Bremen, beispielsweise führte hierzu einige Experimente durch. Dabei stellte er fest, dass Blondinen in einem Rechentest schlechter abschnitten, wenn ihnen zuvor Blondinenwitze erzählt wurden.

Wurden Männer an das Klischee erinnert, dass ihr Wortschatz eher begrenzt wäre, spiegelte sich dies auch im Testergebnis wieder. Frauen wiederum, die expliziert nach ihrem Geschlecht gefragt und damit an das Vorurteil, dass Frauen schlechtere Autofahrer wären, erinnert wurden, zeigten im Fahrsimulator tatsächlich schlechtere Leistungen.

In den USA machte die Sozialpsychologin Richeson zusammen mit ihrem Team Vorurteile sichtbar. Dazu wurden Studenten Fotos von weißen und dunkelhäutigen Männern gezeigt, während ein Magnetresonanztomograph gleichzeitig ihre Gehirnaktivitäten maß.

Dabei stellte sich heraus, dass in einigen Arealen des präfrontalen Cortex vermehrt Gehirnaktivitäten auftraten. Der präfrontale Cortex ist der Gehirnbereich, in dem Umweltreize kontrolliert und geordnet werden.

Die Wissenschaftler deuteten die aufgezeichneten Muster als Zeichen für die Versuche der Studenten, bestehende Vorurteile beim Anblick von Personen mit einer anderen Hautfarbe zu unterdrücken. 

 

Vorurteile sind nicht immer negativ.

Die Worte Vorurteil und Klischee sind tendenziell negativ behaftet. Vorurteile werden zwar nicht unbedingt als verbindliche Tatsachen und unumstößliche Wahrheiten wahrgenommen. Trotzdem haben sie einen faden Beigeschmack und oft zeigt sich die Neigung, Vorurteile widerlegen zu wollen.

Dabei müssen Vorurteile keineswegs immer nur negativ sein. Wer mit einer verantwortungsvollen Aufgabe betraut wird, wem weitreichende Entscheidungen zugetraut werden oder wenn über jemanden Sätze wie „Wenn einer eine Lösung findet und uns jetzt noch helfen kann, dann ist das …“ gesagt werden, der sieht sich letztlich auch nur mit Vorurteilen konfrontiert. Nur sind diese Vorschusslorbeeren eben positive Vorurteile.

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